Zukunftsmodell Ärztegenossenschaft

Ein Interview mit dem Vorstand der medicus Eifler Ärzte eG

 

 

Frage: Ende Januar hat die KBV das aktuelle „Berufsmonitoring Medizinstudierende“ vorgestellt. Wie beurteilen Sie die Situation

Dr. Jager: Ich verfolge seit Jahren diese Informationserhebung und vergleichbare Studien. Sie zeigen den deutlichen Wandel in den Vorstellungen und Zielen der zukünftigen Kolleginne und Kollegen zum Arztberuf. In meiner Generation lag überwiegend eine freiberufliche Tätigkeit im Fokus der Wünsche, heute ist das anders. Unser Modell der Ärztegenossenschaft ist die Antwort auf diese Entwicklung.

 

Frage: Aus welchem Grund?

Dr. Jager: Seit Jahren geht die Zahl der jungen Ärztinnen und Ärzte, die sich für eine Tätigkeit in ländlichen Regionen - wie dem Eifelkreis Bitburg-Prüm - gewinnen lassen, stetig zurück. Vor allem im hausärztlichen Bereich ist bei uns, wie in vielen vergleichbaren Regionen Deutschlands, die Versorgungssituation in Teilen bereits angespannt. Und wir alle wissen, dass sich die Lage in den kommenden Jahren weiter verschlechtern wird, wenn wir nicht jetzt handeln.

 

Unser Modell der Ärztegenossenschaft ist dahingehend konzipiert, die Erwartungen junger Kolleginnen und Kollegen in möglichst großem Umfang zu erfüllen. Aber auch den älteren Praxisinhabern bietet es durchaus Anreize.

 

Frage: Warum glauben Sie, dass die Ärztegenossenschaft einen größeren Anreiz bietet als andere Optionen - Freiberuflichkeit oder Anstellung bei anderen MVZ-Trägern oder im stationären Bereich?

Dr. Jager: Bei uns sind ausschließlich Ärztinnen und Ärzte Mitglieder und das Genossenschaftsgesetz schreibt vor, dass Funktionen im Aufsichtsrat und Vorstand ausschließlich von Mitgliedern besetzt werden können, also im Fall der Ärztegenossenschaft nur von aktiv in der Versorgung tätigen Medizinern. Wir verstehen uns als Selbsthilfeinitiative von Ärzten, die für Ärzte gegründet wurde und von Ärzten geführt ist.

 

Auch bietet die Rechtsform der Genossenschaft mit ihrem Solidaritäts- und Gleichheitsprinzip aller Mitglieder dauerhaften Schutz gegen Übernahmen. Gerade dieser Punkt wurde in letzter Zeit im Gesetzgebungsverfahren zum TSVG häufig diskutiert.

 

Frage: Was bietet die Ärztegenossenschaft denn an konkreten Anreizen für junge Mediziner?

Dr. Jager: Flexible- und Teilzeitanstellungen, geregelte Arbeitszeiten, perspektivisch mit weiteren Fachgruppen und interdisziplinäre Teamarbeit. Damit haben wir schon die vier wichtigsten Punkte in der Hitliste des Berufsmonitorings erfüllt.

 

90 % der Medizinstudierenden sind im Übrigen offen für eine zukünftig angestellte Tätigkeit und mehr als zwei Drittel würden auch im ambulanten Bereich als angestellte Ärztinnen und Ärzte tätig werden wollen.

 

Frage: Sie gehen also davon aus, dass sich immer weniger junge Mediziner für die Freiberuflichkeit entscheiden werden?

Dr. Jager: Ja, aber nicht nur ich. Auch die KV RLP geht nach den Worten ihres Vorstandsvorsitzenden Dr. Heinz (Presseerklärung https://www.kv-rlp.de/presse/presseinformation/anstellungen-werden-bei-aerzten-immer-beliebter/) davon aus, dass im Jahr 2030 55 % der im ambulanten Bereich tätigen Ärztinnen und Ärzte angestellt sein werden, also rund 30 % mehr als heute. Und für diese Mediziner müssen Anstellungsmöglichkeiten geschaffen werden, die es in diesem Umfang heute noch nicht gibt. Unser Ziel ist es, dass diese Beschäftigungsmöglichkeiten nicht nur in Klink- oder kommunalen MVZ entstehen.

 

Unser Modell - das Modell Ärztegenossenschaft der medicus Eifler Ärzte eG in Bitburg und der ÄGIVO eG in Lindenfels - ist die moderne Fortführung des Anspruchs der allein ärztlichen Verantwortung für die ambulante Patientenversorgung. Im Kern ist das nichts anderes als unser Selbstverständnis als freiberuflich tätige Ärzte.

 

Frage: Gibt es darüber hinaus weitere Gemeinsamkeiten mit der Freiberuflichkeit?

Dr. Jager: Im Positiven ja, im negativen nein. Unsere Mitglieder tragen keine nennenswerten wirtschaftlichen Risiken, die Einzahlung ist eher symbolisch. Sie tragen keine Risiken für Regressforderungen oder für die Finanzierung der Gesellschaft. Ganz anders als freiberuflich tätige Mediziner.

 

Dafür bieten wir mit attraktiven Gehältern und der Möglichkeit der Mitgliedschaft auch über die Ergebnisausschüttung Einkommensmöglichkeiten, die wahrscheinlich von anderen MVZ Trägern so nicht geboten werden können. Das ist im Entwurf des TSVG auch für angestellte Ärztinnen und Ärzten vorgesehenen. Oder anders ausgedrückt: Wie in einer freiberuflichen Einzelpraxis oder BAG fließen die Erträge ihrer Tätigkeit perspektivisch allein den tätigen Medizinern zu.

 

Frage: Sie sprachen an, auch älteren Praxisinhabern in der Ärztegenossenschaft Anreize zu bieten. Wie genau funktioniert das?

Dr. Jager: Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen meiner Generation würden gerne über das reguläre Ruhestandsalter hinaus ihre Patienten weiter betreuen, aber gleichzeitig ihre Arbeitsbelastung schrittweise reduzieren.

 

Diesen Praxisinhabern bieten wir in unserer Genossenschaft flexible und auf die persönliche Situation zugeschnittene Übergangsmodelle an. Die Erhaltung des Engagements dieser Generation ist unverzichtbar für eine stabile Versorgungssituation. Denn bis mittel- und langfristig Maßnahmen wie die Landarztquote im Studium und der weitere Ausbau der Weiterbildungsmöglichkeiten für Allgemeinmediziner zu einer Entspannung des Ärztemangels in ländlichen Regionen führen, kann es noch etliche Jahre dauern.

 

Das Interview führte Dr. Reinhard Merz, freier Journalist aus Heidelberg